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🌱 Geschichte der Jahreszeit
Der wunderliche Spielmann
Gebrüder Grimm · Kinder- und Hausmärchen, 1850
Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der gieng durch einen Wald mutterselig allein und dachte hin und her, und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbei holen."
Da nahm er die Geige vom Rücken und fidelte eins daß es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht daher getrabt. „Ach, ein Wolf kommt! nach dem trage ich kein Verlangen," sagte der Spielmann: aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm: „Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! das möcht ich auch lernen."
„Das ist bald gelernt," antwortete ihm der Spielmann, „du mußt nur alles thun, was ich dich heiße." „O Spielmann," sprach der Wolf, „ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister."
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Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war. „Sieh hier," sprach der Spielmann, „willst du fideln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt." Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten so fest daß er wie ein Gefangener da liegen bleiben mußte.
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Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen andern Gesellen herbei holen," nahm seine Geige und fidelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume daher geschlichen. Der Fuchs kam zu ihm heran, und sprach: „Ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schön! das möcht ich auch lernen."
Da bog der Spielmann von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde und von der andern Seite noch eines, und band dem Fuchs die Pfoten daran – und als er losließ, schnellten die Bäumchen in die Höhe und das Füchslein schwebte in der Luft und zappelte.
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Wiederum fidelte der Spielmann, und diesmal kam ein Häschen daher gesprungen. Er band ihm einen langen Bindfaden um den Hals und ließ es zwanzigmal um einen Espenbaum laufen – bis der Faden sich um den Stamm gewickelt hatte und das Häschen gefangen war.
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Der Wolf hatte indessen gerückt und gezogen, bis er die Pfoten befreit hatte. Voll Zorn eilte er hinter dem Spielmann her. Er befreite den Fuchs, der Fuchs das Häschen, und alle drei suchten gemeinsam ihren Feind.
Doch der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fidel erklingen lassen – und diesmal drangen die Töne zu den Ohren eines armen Holzhauers. „Endlich kommt doch der rechte Geselle," sagte der Spielmann, „denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Thiere."
Und er spielte so schön und lieblich, daß der arme Mann wie bezaubert da stand und ihm das Herz vor Freude aufging. Als der Wolf, der Fuchs und das Häschen heran kamen, erhob der Holzhauer seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann. Da ward den Thieren angst und sie liefen in den Wald zurück – der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.
Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859)